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Kündigungsbereitschaft steigt weiter

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Mehr als jeder dritte Erwerbstätige spielt derzeit mit dem Gedanken, dem aktuellen Arbeitgeber den Rücken zu kehren. Besonders bei Frauen steigt die Offenheit für neue Tätigkeiten. Die Führung spielt als Grund für einen Wechsel eine wichtige Rolle.

Im Auftrag von Xing E-Recruiting hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa in diesem Januar 2.523 Arbeitnehmende aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz zur ihrer Wechselbereitschaft befragt, davon 1.004 Beschäftigte in Deutschland. Die Umfrage ist repräsentativ für die erwerbstätige Bevölkerung.

Kündigungen oft krisenbedingt, jeder Vierte geht ohne neuen Job

Die Studie zeigt, dass seit Beginn der Corona-Krise vor zwei Jahren jeder zehnte Deutsche seinen Job gewechselt hat. Von den Männern gibt jeder dritte (31 Prozent) an, dass Corona die Entscheidung beeinflusst hat, von den Frauen sagt gut jede fünfte (22 Prozent), dies sei der Fall gewesen. Geschlechterübergreifend hat damit ein Viertel der Arbeitnehmenden wegen der Krise bei einem neuen Unternehmen angeheuert. Besonders auffällig dabei ist, dass jeder vierte Erwerbstätige gekündigt hat, ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben. Das lässt darauf schließen, dass der Leidensdruck beim bisherigen Arbeitgebenden groß gewesen sein muss. Denkbar wäre aber auch, dass Berufstätige aufgrund der zeitweise hohen Mehrfachbelastung berufstätiger Eltern durch Homeoffice und Homeschooling die Arbeit aufgegeben haben. Darüber und ob auch Beschäftigte in Pflegeberufen an der Umfrage teilgenommen haben, von denen immer mehr kündigen, gibt die Studie jedoch keine Auskunft.

Besseres Gehalt vor allem bei Jüngeren Hauptgrund zu wechseln

Außerdem mindestens einmal daran gedacht, die Arbeitsstelle zu wechseln, hat im letzten Jahr gut die Hälfte der Befragten. Der Hauptgrund war der Wunsch nach einem höheren Gehalt, den 42 Prozent der Teilnehmenden nannten. Von den Beschäftigten bis 29 Jahre gaben sogar mehr als drei Viertel (79 Prozent) dieses Motiv an. Auf Platz zwei der Kündigungsgedanken stand Unzufriedenheit mit der Geschäftsführung (38 Prozent). Knapp ein Drittel nannte Interesse an einer anderen Tätigkeit als Grund, fast ebenso viele (31 Prozent) waren mit ihrer direkten Führungskraft nicht zufrieden. Außerdem gab ein Viertel der Beschäftigten (26 Prozent) an, die Sinnhaftigkeit bei der Arbeit zu vermissen.

Fast vier von zehn Deutschen haben Abwanderungsgedanken

Momentan denken immerhin fast vier von zehn Studienteilnehmenden (37 Prozent – das sind vier Prozent mehr als in 2021) darüber nach, sich dieses Jahr einen neuen Job zu suchen oder haben sogar bereits konkrete Schritte in die Wege geleitet. Besonders dramatisch für Arbeitgebende: Von den 30- bis 39-Jährigen hegt sogar fast jeder Zweite (48 Prozent) Abwanderungsgedanken. Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass die Wechselbereitschaft bei Frauen deutlich gestiegen ist: Sagten letztes Jahr noch 32 Prozent, dass sie sich einen neuen Job vorstellen können, sind es mittlerweile 38 Prozent.

Der Arbeitsmarkt wandelt sich vom Anbieter- zum Nachfragemarkt,

kommentiert Xenia Meuser, Senior Vice President Attract & Retain, Brand & Marketing bei der New Work SE, die Befragungsergebnisse.

Tatsächlicher Kündigungsgrund: schlechte Führung

Die Motive, über eine neue Tätigkeit nachzudenken, seien nicht identisch mit den tatsächlichen Beweggründen, beim aktuellen Arbeitgebenden zu kündigen, so die Studie. So rangiert laut Befragung nicht das Gehalt an erster Stelle, sondern die Führung, die fast drei von zehn Befragten (28 Prozent) als Anlass für einen Wechsel angeben. Ganz knapp dahinter mit 27 Prozent steht die beim aktuellen Unternehmen nicht hinreichende Work Life Balance. Rund ein Viertel (24 Prozent) wandert wegen eines attraktiveren Tätigkeitsfelds ab. Finanzielle Motive folgen mit circa einem Fünftel (19 Prozent) erst danach. Weitere 15 Prozent entscheiden sich wegen einer attraktiveren Position für einen neuen Arbeitgebenden.

Unternehmenskultur wird als Attraktivitätsfaktor wichtiger

Immer mehr Beschäftigte hinterfragten in diesen Zeiten ihre Arbeitssituation und prüften sehr genau, ob ihr Unternehmen kulturell noch zu ihnen passt, sagt Xenia Meuser. Die Unternehmenskultur werde seit Krisenbeginn als Kriterium für die Attraktivität eines Unternehmens immer wichtiger, so die Studie. Das zeige sich auch an den Erwartungen der Befragten an einen potenziellen Arbeitgebenden: Danach ist für 59 Prozent der Beschäftigten ein gutes Führungsverhalten ausschlaggebend, dicht gefolgt von flexiblen Arbeitszeiten (57 Prozent), einem höheren Gehalt – das mit 54 Prozent aber doch eine wesentliche Rolle spielt –, persönlicher Sinnerfüllung (52) sowie der Möglichkeit, remote zu arbeiten.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.