Bosch plant den Abbau von rund 3700 Stellen, SAP geht in die „nächste Phase der Transformation“, und auch Miele verlagert im Rahmen eines „Effizienzprogramms“ seine Waschmaschinen-Montage nach Polen, was allein in Gütersloh 700 Stellen kosten soll. Die Reihe der deutschen Unternehmen, die angesichts schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen sparen müssen und deshalb Personal abbauen, ist lang. Viele von ihnen investieren hohe Summen in die Abfindung. Scheinbar getreu dem Motto: Geh mit Geld, aber geh.
Auch Volkswagen hat sich eingereiht und will mit seinem Performance-Programm „Accelerate Forward | Road to 6.5“ bis 2026 bis zu zehn Milliarden Euro einsparen. Nicht zuletzt die Personalkosten in der Verwaltung sollen um rund 20 Prozent gesenkt werden. Konkret soll die Umsatzrendite von VW dank des Programms bis 2026 nachhaltig auf 6,5 Prozent steigen. Mit den bisherigen 3,5 Prozent liegt man nach Unternehmensangaben deutlich hinter den Konkurrenten aus China oder den USA, namentlich Tesla. Allein 2024 wollen die Wolfsburger Autobauer vier Milliarden Euro einsparen. Gelingen soll dies paradoxerweise auch, indem kurzfristig mehr Geld ausgegeben wird, und zwar für ein umfangreiches Abfindungsprogramm.
Volkswagen zündet den Abfindungsturbo
Parallel zu einem Altersteilzeitangebot, das inzwischen für alle Beschäftigten des Jahrgangs 1967 gilt, setzt Volkswagen auf ein Abfindungsprogramm, das Ende April in die heiße Phase geht, die firmenintern „Turbophase“ genannt wird. Demnach können sich Mitarbeitende zwischen dem 29. April und dem 31. Mai bei ihrer Personalabteilung ein Abfindungsangebot einholen.
Werden sich beide Seiten innerhalb von zwei Wochen einig, zahlt der Autobauer neben der ausgehandelten Abfindung noch eine Sonderprämie von 50.000 Euro. „Wir werden im Bedarfsfall punktuell Aufhebungsverträge auf allen Ebenen anbieten“, sagt Konzernpersonalvorstand Gunnar Kilian.
Langwierige Verhandlungen mit dem Betriebsrat
Monatelang hatten Betriebsrat und Konzernführung über die Ausgestaltung des Programms diskutiert. Volkswagen-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo erklärte dazu: „Das Jahr 2024 dürfte sehr herausfordernd werden, insbesondere für unsere Volumenmarken.“ Daher habe man mit den Eckpunkten für das Programm zur richtigen Zeit die Basis für „ambitionierte Verbesserungen“ gelegt.
„Der gemeinsam abgesteckte Kurs wird unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig stärken, ohne einseitig zulasten der Beschäftigten zu gehen.“ Gleichzeitig verspricht Cavallo, „auch weiterhin darauf zu achten, dass Prozesse, Strukturen und Aufgaben tatsächlich besser und schneller werden – denn die Arbeitsverdichtung darf nicht das Ergebnis sein“.
Auch SAP vergoldet Mitarbeitenden den Abschied
Auch der deutsche Softwarekonzern SAP will Im Rahmen einer Umstrukturierung Stellen abbauen – 8000 weltweit, davon 2600 in Deutschland. Hierzulande soll dies allein über sogenannte Freiwilligenprogramme realisiert werden. Der sogenannte „Reorganisationsprozess“ soll laut SAP bis Ende des ersten Quartals 2025 abgeschlossen sein.
Weltweit hat SAP zwei Milliarden Euro für ein Vorruhestands- und Freiwilligenprogramm zurückgestellt. Offenbar ist dieses so großzügig, dass sogar der Betriebsrat geradezu euphorisch auf die mit der Geschäftsführung ausgehandelten Regelungen reagiert. „Viele ältere Mitarbeiter freuen sich riesig, wenn sie demnächst mit einem goldenen Handschlag in Ruhestand gehen können“, erklärte Betriebsratschef Eberhard Schick in einem Interview mit dem Magazin „Capital“. Mit rund 1,5 Monatsgehältern pro Betriebsjahr zahle SAP so großzügige Abfindungen, „dass es schon dumm wäre zu bleiben“, so Schick. Die Verhandlungen über Details sollen noch im April abgeschlossen werden.
Eine Kehrseite des Geldsegens sieht der Betriebsratsvorsitzende allerdings dann doch. Für die Mitarbeitenden, die im Unternehmen blieben, könnte die Arbeitsbelastung deutlich steigen, befürchtet Schick, auch wenn SAP versprochen habe, bis Ende 2024 wieder neues Personal einzustellen. Hier decken sich seine Forderungen mit denen von VW-Betriebsrätin Daniela Cavallo, die ebenfalls eine Arbeitsverdichtung ablehnt.
Bosch: Schwache Weltwirtschaft zwingt zum Personalabbau
Deutlich weniger positiv als bei Volkswagen und SAP reagieren die Mitarbeitenden von Bosch auf die vom Unternehmen angekündigten Umstrukturierungen. Alleine im vergangenen Monat protestierten bundesweit rund 25.000 Bosch-Angestellte gegen einen geplanten Stellenabbau. Anfang des Jahres hatte auch die Personalwirtschaft berichtet, dass der Technologiekonzern bis zu 1.500 Stellen in seiner Antriebssparte abbauen will. Davon sind Jobs in der Entwicklung, der Verwaltung und im Vertrieb betroffen. Inzwischen stehen über alle Geschäftsbereiche hinweg mehr als 7000 Stellen zur Disposition – davon bis zu 3.200 in der Autozulieferung, die besonders unter der zunehmenden Elektrifizierung von Mobilität zu leiden hat.
Dabei hatte Bosch noch 2022 versucht, eine „Mobilitätswende“ einzuleiten, um so einen Stellenabbau zu vermeiden: 80.000 Mitarbeitende sollten alleine hierzulande umgeschult werden, um fit zu sein für den technologischen Sprung vom Verbrenner zum Elektroauto. Hunderte Millionen Euro ließ sich das Unternehmen diese Maßnahme kosten. „Wir konzentrieren uns nicht nur auf Abbau“, hatte die nun ehemalige Personalchefin Filiz Albrecht damals erklärt. „Transformation bedeutet auch Aufbau und Veränderung von Kompetenzen.“
Allein, mit Umschulungen scheint es angesichts des angekündigten Personalabbaus nicht getan zu sein. Wie hoch die Abfindungskosten vermutlich sein werden, mögen oder können derzeit weder das Unternehmen noch der Betriebsrat beziffern. Etliche Millionen Euro dürften es allerdings sein. Doch das Unternehmen greift noch zu einem weiteren Kniff, um Kosten zu sparen: Boschler mit einem Tarifzusatzvertrag über eine Wochenarbeitszeit von 40 Stunden sollen nur noch das Normalmaß von 35 Stunden arbeiten – was einem Gehaltsverlust von 14 Prozent entspricht.
Immerhin: Betriebsbedingte Kündigungen sind für die rund 80.000 Beschäftigten an den deutschen Bosch-Standorten nach einer im Sommer zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung getroffenen Vereinbarung bis Ende 2027 ausgeschlossen. „Wir setzen auf die interne Vermittlung von Mitarbeitenden in andere Bereiche und die Nichtnachbesetzung bei Personalwechseln“, heißt es in der Erklärung des Unternehmens.
Tesla: Schlechte Ausgangsposition für Mitarbeitende
Wie es dagegen für die Mitarbeitenden von Tesla in der Brandenburger Gigafactory weitergeht, ist derzeit offen: Nach Informationen des Senders rbb sollen rund zehn Prozent der dort 12.500 tätigen Mitarbeitenden entlassen werden. Ursprünglich hatte das Handelsblatt berichtet, dass sogar 3.000 Angestellte betroffen seien. Ankündigungen zu großzügigen Abfindungen und Sozialplänen gibt es dort derzeit nicht. Tesla-Chef Elon Musk hatte zuvor eine Größenordnung von einem weltweiten Stellenabbau von zehn Prozent beziffert. „Das wird uns schlank, innovativ und hungrig für die nächste Wachstumsphase machen“, schrieb Musk demnach in einer internen Mitteilung an die Belegschaft, aus der der rbb zitierte.
Dierk Hierschel, Chefökonom der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, greift nicht zuletzt das Land Brandenburg scharf an, weil man es versäumt habe, die Mitarbeitenden besser zu schützen. In einem Post beim Kurznachrichtendienst X schreibt Hierschel: „In einem mitbestimmten Unternehmen mit Aufsichtsrat, unabhängigen Betriebsräten und Tarifvertrag würde jetzt auf Augenhöhe über die Zukunft des Standorts verhandelt. Die Beschäftigten hätten eine Schutzmacht. Die Landesregierung hat hier versagt. Sie hätte die millionenschweren Subventionen für Tesla an feste Zusagen zur betrieblichen Mitbestimmung, Tarifverträgen und Beschäftigung knüpfen müssen. Das wäre eine arbeitnehmerorientierte Wirtschaftspolitik gewesen.“
Arbeitsrechtler Pascal Croset findet dagegen auf Linkedin durchaus positive Worte für Tesla: „Ich freue mich, dass Elon Arbeitsrecht und Betriebsrat in seinem Statement erwähnt. Mal abwarten, inwieweit Worten auch Taten folgen.“
Tesla selbst widerspricht dem Vorwurf, dass der geplante Personalabbau in Grünheide unfair verlaufen werde. „Diese Maßnahme prüfen wir und werden sie für die Gigafactory Berlin-Brandenburg vor dem Hintergrund aller arbeitsrechtlichen und mitbestimmungspflichtigen Erfordernisse unter Einbeziehung des Betriebsrates verfolgen“, teilte Tesla mit. Welchen monetären Ausgleich es für die scheidenden Mitarbeitenden allerdings geben wird, lässt das Unternehmen bislang offen.
Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Arbeitsrecht und Regulatorik und verantwortet die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.